CBL - Journal Issue April 2000
James Alexander Graham, Michael Thomas Stefan E-mail the EditorsPast Issues

 

Interview mit Herrn Klaus Thoma, Pressesprecher der Deutschen Bank AG 1

Das Telefoninterview führte M.T. Stefan mit Klaus Thoma am 11. April 2000. Thematisiert wurde dabei der Systemausfall bei der Deutschen Bank am 1. Dezember 1999, der zu einer Nichtteilnahme am deutschen und internationalen Clearing für Interbank-Zahlungen führte.

CBL Web-Doc. 08/2000


CBL: Die Presse berichtete über einen am 1. Dezember 1999 eingetretenen Systemfehler in Ihrem Rechenzentrum, der zur Nichtteilnahme am internationalen Clearing für Interbank-Zahlungen führte. Ist dieser Fehler aus Ihrer Sicht auf Soft- oder Hardware zurückzuführen?

Deutsche Bank:

Bei der Deutschen Bank AG trat am 1. Dezember 1999 ein Fehler im Rechenzentrum auf, der auf einem Softwarefehler beruhte. Sechs Wochen vor Auftreten des Fehlers wurde auf Anraten des Herstellers ein Software-Release eingespielt, welches zunächst einige Wochen erfolgreich getestet und schließlich freigegeben wurde. Die Implementierung eines neuen Software-Releases ist ein normaler Vorgang, der zunächst den mehrwöchigen fehlerfreien Einsatz auf einer Testumgebung voraussetzt und schließlich die Freigabe beinhaltet. Nachdem die Software also getestet und bereits eine Woche fehlerfrei im Einsatz war, trat das Problem im Monitoring des Informationsmanagementsystems auf. Nach erfolglosen Versuchen, den Fehler zu beheben, wurde schließlich am späten Nachmittag ein Kaltstart der Systeme mit einer überarbeiteten Software durchgeführt. Nach einem fehlerfreien Testbetrieb konnte das System wieder in der Nacht zum 2 Dezember 1999 eingebunden werden. Alle nichtausgeführten Transaktionen wurden noch in der Nacht abgearbeitet. Aufgrund des Systemfehlers konnte an am 1 Dezember 1999 nicht am internationalen und am deutschen Clearing für Interbankzahlungen teilgenommen werden. Am 2 Dezember 1999 arbeiteten alle Systeme wieder einwandfrei.

CBL: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2000, Seite 25, beziffert das Volumen der nicht ausgeführten Verpflichtungen mit 35 Mrd. Euro. Können Sie diese Summe bestätigen?

Deutsche Bank:

Die Höhe des im Artikel der FAZ genannten Betrages ist auf Spekulationen im Markt zurückzuführen. Die Deutsche Bank hat keine Summe genannt. Der intern ermittelte Zinsverlust durch ausstehende Zahlungen war bezogen auf das Marktvolumen jedoch eher als gering zu werten.

CBL: Auf welche Prozeduren haben Sie zurückgegriffen, um die Auswirkungen des Systemfehlers zu reduzieren? Ist die Nutzung von doppelten oder parallelen Systemen, um bei einem Ausfall eines Systems umzuschalten, in diesem Bereich nicht möglich?

Deutsche Bank:

Umfangreichere Zahlungen konnten teilweise auf Parallelsystemen, die noch aus der Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank stammen, abgewickelt werden. Nach unseren Notfallplänen wurde automatisch auf das Parallelsystem umgeschaltet. Der Software-Fehler trat jedoch auch dort auf. Auch mehrmalige Versuche die Systeme wieder hochzufahren führten nicht zum Erfolg.

CBL: Was hat Sie veranlasst mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit zu gehen? Ist Ihrer Meinung nach, die Öffentlichkeit über derartige Vorfälle sofort zu informieren, der richtige Schritt oder sollte ein Kreditinstitut sich in diesen Fällen eher zurückhaltend zeigen, um unnötige Aufregung zu vermeiden?

Deutsche Bank:

Zunächst haben wir der Deutschen Bundesbank die technischen Probleme mitgeteilt. Anschließend informierte die Deutsche Bank ihre Geschäftspartner laufend und zeitnah über die aktuelle Entwicklung der Problemlösung. Die Pressemitteilung zur Information der breiten Öffentlichkeit erschien der Deutschen Bank notwendig und konsequent. Ein Verschweigen wäre kontraproduktiv gewesen. Die Erklärung an die Presse beschrieb kurz die Situation und sollte zeigen, dass die Bank offen mit einem bestehenden Problem umgeht und in der Lage ist, den Systemfehler selbst zu beheben.

CBL: Waren auch Systeme mit Kundenkontakt betroffen?

Deutsche Bank:

Neben dem internationalen und deutschen Clearing für Interbankzahlungen war auch das Direct Ordering System für Wertpapiere betroffen. Wertpapierkauf- und verkaufaufträge konnten zwar entgegengenommen, jedoch nicht ausgeführt werden. Dies galt für Orders an die Filialen, wie auch für das Electronic Banking. Die Kundenaufträge wurden am 2 Dezember 1999 ausgeführt, wobei der Kunde die jeweils besten Kauf- beziehungsweise Verkaufspreise des 1 Dezembers bekam. Die Deutsche Bank AG wollte Schaden bzw. entgangene Gewinne beim Kunden vermeiden, da der Fehler dem Institut zuzurechnen war.

CBL: Sind aufgrund dieses Fehlers rechtliche Fragen aufgetreten?

Deutsche Bank:

Nein. Die Bank wollte sich nicht in die "rechtliche Mühle" begeben. Sie hat auf der Basis der Heathrow-Rules, die den Zahlungsverkehr zwischen den Banken regeln, direkt Kompensationszahlungen getätigt und Zinsdifferenzen ausgeglichen.

CBL: Werden für derartige Risiken Versicherungen zur Schadensregulierung angeboten? Haben Sie diese in Anspruch genommen?

Deutsche Bank:

Die Deutsche Bank gibt generell keine Auskünfte zu abgeschlossenen Versicherungen.

 


1 Deutsche Bank AG - Taunusanlage 12, 60325 Frankfurt

Kurzporträt des Unternehmens:

"Die Deutsche Bank ist mit 1 500 Niederlassungen in Deutschland sowie Filialnetzen in Italien, Spanien und Belgien die größte Bank in Euroland. Der Jahresüberschuss 1999 betrug 2,6 Mrd Euro. Mit der Übernahme von Bankers Trust, der Etablierung der Deutschen Bank 24 und der Tochtergesellschaft European Transaction Bank hat die Bank immer wieder für Bewegung im Bankensektor gesorgt. Das Institut bietet als Multispezialbank eine breite Palette moderner Bankdienstleistungen an. Dazu gehören der Zahlungsverkehr, das Kreditgeschäft sowie die Geld- und Vermögensanlage. Das Online Banking ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil geworden. Ein starkes Standbein bildet das Investment Banking, die Begleitung von Neuemissionen und die Beratung von Unternehmen in allen Aspekten der Unternehmensfinanzierung. Rund 93 000 Mitarbeiter betreuen weltweit in über 60 Ländern mehr als 9 Millionen Kunden."

[online: 04/27/2000]

 

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