Interview
mit Herrn Klaus Thoma, Pressesprecher
der Deutschen
Bank AG 1
Das
Telefoninterview führte M.T. Stefan mit Klaus Thoma am 11.
April 2000. Thematisiert wurde dabei der Systemausfall bei der Deutschen
Bank am 1. Dezember 1999, der zu einer Nichtteilnahme am deutschen
und internationalen Clearing für Interbank-Zahlungen führte.
CBL
Web-Doc. 08/2000
CBL:
Die Presse berichtete über einen am 1. Dezember 1999 eingetretenen
Systemfehler in Ihrem Rechenzentrum, der zur Nichtteilnahme am internationalen
Clearing für Interbank-Zahlungen führte. Ist dieser Fehler aus Ihrer
Sicht auf Soft- oder Hardware zurückzuführen?
Deutsche
Bank:
Bei der Deutschen
Bank AG trat am 1. Dezember 1999 ein Fehler im Rechenzentrum auf,
der auf einem Softwarefehler beruhte. Sechs Wochen vor Auftreten
des Fehlers wurde auf Anraten des Herstellers ein Software-Release
eingespielt, welches zunächst einige Wochen erfolgreich getestet
und schließlich freigegeben wurde. Die Implementierung eines neuen
Software-Releases ist ein normaler Vorgang, der zunächst den mehrwöchigen
fehlerfreien Einsatz auf einer Testumgebung voraussetzt und schließlich
die Freigabe beinhaltet. Nachdem die Software also getestet und
bereits eine Woche fehlerfrei im Einsatz war, trat das Problem
im Monitoring des Informationsmanagementsystems auf. Nach erfolglosen
Versuchen, den Fehler zu beheben, wurde schließlich am späten
Nachmittag ein Kaltstart der Systeme mit einer überarbeiteten
Software durchgeführt. Nach einem fehlerfreien Testbetrieb konnte
das System wieder in der Nacht zum 2 Dezember 1999 eingebunden
werden. Alle nichtausgeführten Transaktionen wurden noch in der
Nacht abgearbeitet. Aufgrund des Systemfehlers konnte an am 1
Dezember 1999 nicht am internationalen und am deutschen Clearing
für Interbankzahlungen teilgenommen werden. Am 2 Dezember 1999
arbeiteten alle Systeme wieder einwandfrei.
CBL:
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2000, Seite 25,
beziffert das Volumen der nicht ausgeführten Verpflichtungen mit
35 Mrd. Euro. Können Sie diese Summe bestätigen?
Deutsche
Bank:
Die Höhe des
im Artikel der FAZ genannten Betrages ist auf Spekulationen im
Markt zurückzuführen. Die Deutsche Bank hat keine Summe genannt.
Der intern ermittelte Zinsverlust durch ausstehende Zahlungen
war bezogen auf das Marktvolumen jedoch eher als gering zu werten.
CBL:
Auf welche Prozeduren haben Sie zurückgegriffen, um die Auswirkungen
des Systemfehlers zu reduzieren? Ist die Nutzung von doppelten oder
parallelen Systemen, um bei einem Ausfall eines Systems umzuschalten,
in diesem Bereich nicht möglich?
Deutsche
Bank:
Umfangreichere
Zahlungen konnten teilweise auf Parallelsystemen, die noch aus
der Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank stammen,
abgewickelt werden. Nach unseren Notfallplänen wurde automatisch
auf das Parallelsystem umgeschaltet. Der Software-Fehler trat
jedoch auch dort auf. Auch mehrmalige Versuche die Systeme wieder
hochzufahren führten nicht zum Erfolg.
CBL:
Was hat Sie veranlasst mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit
zu gehen? Ist Ihrer Meinung nach, die Öffentlichkeit über derartige
Vorfälle sofort zu informieren, der richtige Schritt oder sollte
ein Kreditinstitut sich in diesen Fällen eher zurückhaltend zeigen,
um unnötige Aufregung zu vermeiden?
Deutsche
Bank:
Zunächst haben
wir der Deutschen Bundesbank die technischen Probleme mitgeteilt.
Anschließend informierte die Deutsche Bank ihre Geschäftspartner
laufend und zeitnah über die aktuelle Entwicklung der Problemlösung.
Die Pressemitteilung zur Information der breiten Öffentlichkeit
erschien der Deutschen Bank notwendig und konsequent. Ein Verschweigen
wäre kontraproduktiv gewesen. Die Erklärung an die Presse beschrieb
kurz die Situation und sollte zeigen, dass die Bank offen mit
einem bestehenden Problem umgeht und in der Lage ist, den Systemfehler
selbst zu beheben.
CBL:
Waren auch Systeme mit Kundenkontakt betroffen?
Deutsche
Bank:
Neben dem
internationalen und deutschen Clearing für Interbankzahlungen
war auch das Direct Ordering System für Wertpapiere betroffen.
Wertpapierkauf- und verkaufaufträge konnten zwar entgegengenommen,
jedoch nicht ausgeführt werden. Dies galt für Orders an die Filialen,
wie auch für das Electronic Banking. Die Kundenaufträge wurden
am 2 Dezember 1999 ausgeführt, wobei der Kunde die jeweils besten
Kauf- beziehungsweise Verkaufspreise des 1 Dezembers bekam. Die
Deutsche Bank AG wollte Schaden bzw. entgangene Gewinne beim Kunden
vermeiden, da der Fehler dem Institut zuzurechnen war.
CBL:
Sind aufgrund dieses Fehlers rechtliche Fragen aufgetreten?
Deutsche
Bank:
Nein. Die
Bank wollte sich nicht in die "rechtliche Mühle" begeben. Sie
hat auf der Basis der Heathrow-Rules, die den Zahlungsverkehr
zwischen den Banken regeln, direkt Kompensationszahlungen getätigt
und Zinsdifferenzen ausgeglichen.
CBL:
Werden für derartige Risiken Versicherungen zur Schadensregulierung
angeboten? Haben Sie diese in Anspruch genommen?
Deutsche
Bank:
Die Deutsche
Bank gibt generell keine Auskünfte zu abgeschlossenen Versicherungen.
1
Deutsche
Bank AG - Taunusanlage 12, 60325 Frankfurt
Kurzporträt
des Unternehmens:
"Die Deutsche
Bank ist mit 1 500 Niederlassungen in Deutschland sowie Filialnetzen
in Italien, Spanien und Belgien die größte Bank in Euroland. Der
Jahresüberschuss 1999 betrug 2,6 Mrd Euro. Mit der Übernahme von
Bankers Trust, der Etablierung der Deutschen Bank 24 und der Tochtergesellschaft
European Transaction Bank hat die Bank immer wieder für Bewegung
im Bankensektor gesorgt. Das Institut bietet als Multispezialbank
eine breite Palette moderner Bankdienstleistungen an. Dazu gehören
der Zahlungsverkehr, das Kreditgeschäft sowie die Geld- und Vermögensanlage.
Das Online Banking ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil
geworden. Ein starkes Standbein bildet das Investment Banking, die
Begleitung von Neuemissionen und die Beratung von Unternehmen in
allen Aspekten der Unternehmensfinanzierung. Rund 93 000 Mitarbeiter
betreuen weltweit in über 60 Ländern mehr als 9 Millionen Kunden."
[online:
04/27/2000]